Everglades · Geschichte & Natur
Wer zum ersten Mal in den Everglades steht, sieht vor allem eines: Gras, so weit das Auge reicht. Dass sich unter diesem Grasmeer ein Fluss verbirgt – breit wie eine ganze Region und langsamer als ein Spaziergänger –, ahnt kaum jemand. Wir erzählen dir, wie diese einzigartige Landschaft entstanden ist und welche Frau ihr den Namen gab, unter dem sie heute weltberühmt ist.
Ein Fluss, der keiner zu sein scheint
Die Everglades sind kein Sumpf im klassischen Sinn und auch kein See. Sie sind eine riesige, extrem flache Wasserfläche, die sich ursprünglich vom Lake Okeechobee in Zentralflorida bis zur Florida Bay ganz im Süden erstreckte. Das Wasser fließt dabei nicht in einem Flussbett, sondern als breite, flache Schicht – Fachleute sprechen von „Sheet Flow“ – langsam nach Süden.
Das Gefälle ist so gering, dass man es mit bloßem Auge nicht erkennen kann: Auf vielen Kilometern verliert das Land nur wenige Zentimeter an Höhe. Entsprechend gemächlich bewegt sich das Wasser. Ein Tropfen, der im Norden startet, kann Monate brauchen, bis er im Süden die Mangrovenküste erreicht.
Die Quelle dieses „Flusses“ liegt sogar noch weiter nördlich: Der Kissimmee River fließt in den Lake Okeechobee. Bevor der Mensch eingriff, trat der See in der Regenzeit regelmäßig über sein Südufer und speiste so die Everglades.
Kalkstein, Meer und Sägegras: die Entstehung
Die Geschichte der Everglades beginnt unter Wasser. Über Jahrmillionen lagerten sich im flachen Meer Kalkschlamm, Muscheln und Korallenreste ab. Daraus entstand der Kalkstein, auf dem Südflorida heute ruht. In den Eiszeiten schwankte der Meeresspiegel stark. Erst nach der letzten Eiszeit stabilisierte er sich so weit, dass sich vor einigen Tausend Jahren das Feuchtgebiet in seiner heutigen Form entwickeln konnte.
Auf dem porösen Kalkstein bildeten sich mit der Zeit Torf und Mergelböden. Und darauf wächst die Pflanze, die die Everglades prägt wie keine andere: das Sägegras (Sawgrass). Botanisch ist es übrigens gar kein Gras, sondern ein Riedgras. Seinen Namen trägt es wegen der feinen, sägezahnartigen Kanten seiner Blätter – wer schon mal hindurchgelaufen ist, weiß warum.
Zwischen den Sägegrasflächen liegen „Tree Islands“ und „Hammocks“: leicht erhöhte Inseln mit Laubbäumen und Palmen. Dazu kommen Zypressenbestände, Kiefernwälder auf Kalkfelsen und an der Küste ausgedehnte Mangrovenwälder. Das Zusammenspiel dieser Lebensräume macht die Everglades so artenreich.
Die ersten Menschen und die Namen
Menschen leben seit Tausenden von Jahren in Südflorida. Die Calusa an der Golfküste und die Tequesta im Gebiet des heutigen Miami nutzten die Wasserwege und die reichen Fischgründe. Später kamen Seminolen und Miccosukee, die sich in die schwer zugänglichen Feuchtgebiete zurückzogen.
Von den Seminolen stammt der Name „Pa-hay-okee“, was sinngemäß „grasiges Wasser“ bedeutet. Der englische Name „Everglades“ taucht im 19. Jahrhundert auf. Eine verbreitete Erklärung leitet ihn von „River Glades“ ab, wobei „Glade“ eine offene, grasige Fläche bezeichnet. Ganz sicher ist die Herkunft aber nicht.
Marjory Stoneman Douglas und der „River of Grass“
Lange galten die Everglades als nutzloser Sumpf, den man trockenlegen sollte. Ab dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Kanäle gegraben, um Land für Landwirtschaft und Städte zu gewinnen. Nach verheerenden Hurrikanen in den 1920er-Jahren entstanden zudem Deiche am Lake Okeechobee. Das natürliche Fließen des Wassers wurde dadurch immer stärker gestört.
Genau in diese Zeit fällt das Werk von Marjory Stoneman Douglas (1890–1998). Die Journalistin und Schriftstellerin lebte in Miami und beschäftigte sich jahrelang mit der Region. 1947 veröffentlichte sie ihr Buch „The Everglades: River of Grass“. Ihre zentrale Botschaft: Die Everglades sind kein wertloser Sumpf, sondern ein lebendiger, langsam fließender Fluss aus Gras, von dem ganz Südflorida abhängt.
Das Buch veränderte den Blick auf die Landschaft nachhaltig. Im selben Jahr, 1947, wurde der Everglades-Nationalpark offiziell eingeweiht. Douglas blieb bis ins hohe Alter eine engagierte Stimme für die Region und gründete 1969 die Organisation „Friends of the Everglades“. Sie wurde 108 Jahre alt. Viele Schulen, Gebäude und Orte in Florida tragen heute ihren Namen.
Banana-Joe-Tipp: Achte bei deinem Besuch einmal bewusst auf das Wasser zwischen den Grashalmen. Es ist meist erstaunlich klar. Wenn du genau hinsiehst, erkennst du winzige Fische und manchmal eine leichte Strömung – das ist der „River of Grass“ in Aktion.
Was das für deinen Besuch bedeutet
Wer die Entstehungsgeschichte kennt, sieht die Everglades mit anderen Augen. Die scheinbar endlose Grasfläche ist ein fein austariertes System aus Wasser, Kalkstein und Pflanzen, das sich über Jahrtausende entwickelt hat. Auf einer Airboat-Fahrt gleitest du direkt über diesen Fluss, im Nationalpark kannst du ihn auf Holzstegen zu Fuß erkunden. Eine Übersicht über Ausflüge findest du bei unseren deutschsprachigen Everglades-Touren.
Auf einen Blick
- Fließrichtung: vom Lake Okeechobee nach Süden zur Florida Bay
- Prägende Pflanze: Sägegras, botanisch ein Riedgras
- Name der Seminolen: „Pa-hay-okee“ – grasiges Wasser
- 1947: Buch „River of Grass“ und Einweihung des Nationalparks
- Beste Reisezeit: Trockenzeit, ca. Dezember bis April
Den Fluss aus Gras erleben
Gleite mit dem Airboat über den „River of Grass“ und lass dir von unseren deutschsprachigen Guides erklären, was diese Landschaft so besonders macht.

