Kleindeutschland in New York: Die deutsche Lower East Side

New York City – Banana Joe Tours

New York · Deutsche Geschichte

Wer heute durch das East Village und die Lower East Side spaziert, denkt an Bars, Street Art und Vintage-Läden. Kaum jemand ahnt, dass hier im 19. Jahrhundert eines der größten deutschsprachigen Viertel der Welt lag. Begib dich mit uns auf Spurensuche nach Kleindeutschland.

Eine deutsche Stadt mitten in Manhattan

Ab den 1840er-Jahren kamen immer mehr Auswanderer aus den deutschen Staaten nach New York. Viele flohen vor Armut und Missernten, andere nach der gescheiterten Revolution von 1848 vor politischer Verfolgung. Die meisten reisten über Bremerhaven oder Hamburg an. Ein großer Teil von ihnen ließ sich auf der Lower East Side nieder, in einem Gebiet, das grob vom heutigen East Village bis in die Gegend südlich der Houston Street reichte.

Das Viertel wurde Kleindeutschland genannt, auf Englisch Little Germany. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts lebten in New York so viele Deutschsprachige, dass die Stadt zu den größten deutschsprachigen Städten der Welt zählte. Häufig heißt es, nur Berlin und Wien hätten damals mehr deutschsprachige Einwohner gehabt.

Das Leben in Kleindeutschland

Die Bewohner kamen aus allen Regionen des deutschen Sprachraums, und oft blieben Nachbarn aus derselben Gegend unter sich – Bayern hier, Preußen dort. Die Avenue B wurde wegen ihrer vielen Geschäfte als „deutscher Broadway“ bezeichnet. Es gab deutsche Bäckereien, Metzgereien, Buchhandlungen, Schulen, Kirchen und Theater.

  • Vereine: Turnvereine, Gesangvereine, Schützenvereine und Arbeitervereine prägten das soziale Leben.
  • Bier: Deutsche Einwanderer machten das untergärige Lagerbier in Amerika populär. Biergärten und Bierhallen waren beliebte Treffpunkte für ganze Familien.
  • Presse: Deutschsprachige Zeitungen wie die New Yorker Staats-Zeitung informierten die Gemeinschaft.
  • Arbeit: Viele Bewohner arbeiteten als Handwerker, etwa als Schneider, Schuhmacher, Tischler oder Bäcker.

Spuren, die du heute noch findest

Auch wenn Kleindeutschland längst verschwunden ist, haben sich einige Zeugnisse erhalten. Mit etwas Aufmerksamkeit entdeckst du sie noch heute.

  • Ottendorfer Library: An der Second Avenue steht ein Backsteingebäude, das 1884 als Bibliothek eröffnet wurde. Gestiftet wurde es von Oswald und Anna Ottendorfer, den Verlegern der New Yorker Staats-Zeitung. Die Bibliothek beherbergte ursprünglich viele deutschsprachige Bücher und gehört heute zur New York Public Library.
  • Deutsches Dispensary: Direkt nebenan liegt die ehemalige Poliklinik für die deutsche Gemeinschaft, ebenfalls von den Ottendorfers unterstützt. Über dem Eingang kannst du noch Spuren der ursprünglichen Bestimmung erkennen.
  • Ehemalige Kirchen: Mehrere Gotteshäuser wurden von deutschen Gemeinden gegründet und dienen heute anderen Gemeinschaften – ein Spiegel der wechselnden Einwanderungsgeschichte des Viertels.
  • Tompkins Square Park: Der Park war ein wichtiger Treffpunkt der deutschen Gemeinschaft und ist heute das grüne Zentrum des East Village.

Banana-Joe-Tipp: Achte bei deinem Spaziergang auf alte Inschriften über Türen und an Fassaden. Hier und da sind noch deutsche Namen oder Schriftzüge zu entdecken, die über ein Jahrhundert überdauert haben.

Die Tragödie der General Slocum

Am 15. Juni 1904 charterte die evangelisch-lutherische St.-Markus-Gemeinde aus Kleindeutschland den Ausflugsdampfer General Slocum für ihr jährliches Picknick. An Bord waren vor allem Frauen und Kinder. Kurz nach der Abfahrt brach auf dem East River ein Feuer aus. Rettungsmittel waren in schlechtem Zustand, und das Schiff brannte in kurzer Zeit nieder. Mehr als 1.000 Menschen kamen ums Leben.

Bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 war dies die Katastrophe mit den meisten Todesopfern in der Geschichte New Yorks. Für Kleindeutschland war sie ein Schock, von dem sich das Viertel nie erholte. Viele Familien hatten Angehörige verloren und verließen die Gegend. Im Tompkins Square Park erinnert ein kleiner Gedenkbrunnen an die Opfer.

Der Umzug nach Yorkville und das Erbe

Schon vor der Katastrophe waren viele wohlhabendere Deutsche weiter nach Norden gezogen. Nach 1904 beschleunigte sich dieser Trend, und Yorkville an der Upper East Side wurde zum neuen deutschen Viertel. Rund um die 86th Street gab es lange deutsche Restaurants, Geschäfte und Vereine. Später kamen neue Einwanderergruppen auf die Lower East Side, und die deutsche Prägung verschwand nach und nach. Durch die antideutsche Stimmung während der beiden Weltkriege legten viele Deutschamerikaner ihre Herkunft zudem bewusst weniger offen.

Heute erinnert vor allem die Steuben-Parade, die jedes Jahr im September über die Fifth Avenue zieht, an das deutsche Erbe der Stadt. Wer die Geschichte der deutschen Auswanderung weiter verfolgen möchte, findet übrigens in Hamburg mit dem Auswanderermuseum BallinStadt den Ausgangspunkt vieler Reisen – auch dort sind wir mit Banana Joe Tours Hamburg unterwegs.

Auf einen Blick

  • Beste Reisezeit: Frühling und Herbst für einen entspannten Spaziergang
  • Blütezeit: etwa 1840er-Jahre bis Anfang des 20. Jahrhunderts
  • Lage: heutiges East Village und Lower East Side
  • Spuren: Ottendorfer Library, Deutsches Dispensary, Tompkins Square Park
  • Gedenken: Brunnen für die Opfer der General Slocum von 1904

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